Motorradfahren in den 60ern
Verkehrsmittel und Objekte der Begierde von Fritz Ehn
Inhaltsverzeichnis
In den wilden Sechzigern
In den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts war das Motorrad als Verkehrsmittel und als Objekt der Begierde im Bewusstsein der österreichischen Bevölkerung ziemlich tot. Ebenso wie der Roller und das Moped.
Das Fahrrad mit Hilfsmotor sowieso. Und die kurzfristig in den Fünfziger boomenden Kleinstmobile – von der BMW Isetta über Heinkel Trojan bis zu Kleinschnittger – waren längst zu einer Fußnote in der Volksmotorisierung geworden.
Aber die Motorräder, die hatten noch immer ihren äußerst leidensfähigen Anhängerkreis. Denn leidensfähig musste man damals schon sein. Erstens wegen des Image des Hungerleiders, zweitens wegen der aus den USA herüberschwappenden Easy-Rider-Epigonen, die das Motorradfahren als Beschäftigung asozialer Radaubrüder stigmatisierten – und überhaupt:
Es gab ja kaum neue Maschinen zu kaufen. Denn die von Helmut Qualtinger in seinem Lied „Der Wilde“ besungene Steyr-Daimler-Puch AG hatte sich auf die Produktion von Mopeds (Stangl Puch und Daisy) geworfen. Die Puch 250 SGS hatte einen schiachen eckerten Tank bekommen und einen ebenso hässlichen vorderen Kotflügel, der den geschwungenen und harmonischen Blechpressrahmen aufs grauslichste konterkarierte. Und 1967 kam dann das „Hungerleiderkrachtettl“ M 125 – bis heute ein undankbares Motorrad.
Vom Trend des allgemeinen Zeitgeistes gegen motorisierte Zweiräder blieben auch die anderen heimischen Hersteller nicht verschont. Den ersten österreichischen Mopedproduzenten HMW hatte es schon 1962 erwischt, obwohl er nach der Umsiedlung von Hallein (HMW stand ja für Halleiner Motoren Werke) nach Kottingbrunn in Niederösterreich mit Landessubventionen gefüttert worden war.
KTM (Kronreif & Trunkenpolz, Mattighofen), seit 1953 am Markt, musste 1962 sein Motorradprogramm einstellen und setzte voll auf Mopeds. Einerseits gab es die Baureihe Comet – das waren zweisitzige, an die äußere Form eines Motorrades angelehnte Sportmopeds –, andererseits die Mopedrollerserie Ponny.
Mit den 50er-Sportmopeds beteiligte sich das Werk immerhin auch an ernsthaften Wettbewerben, aus denen schlussendlich auch wieder ernsthafte Enduro- und Cross-Maschinen hervorgingen. Das Modell Ponny II wurde ab 1962 in seinen Grundzügen bis Mitte der 80er Jahre gebaut. Lohner hatte zu Beginn der sechziger Jahre die beste Zeit als Zweiradproduzent bereits hinter sich, der in zehntausenden Exemplaren gebaute Mopedroller „Sissy“ war 1962 zum letzten Mal „facegeliftet“ worden, sah nunmehr endlich wieder wie das Urmodell aus und wurde 1963 aus der Produktion genommen. Und die noch immer gebauten Motorroller mit 125 und 150 ccm verkauften sich immer schlechter, bis auch sie schlussendlich 1965 eingestellt wurden. Obwohl: So ein barocker Lohner-Roller konnte auch durchaus sportlich bewegt werden.
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