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Mystery Cars — Bizarr, verrückt, skurril. Außenseiter und Verlierer der Automobilgeschichte

von Walter Zeichner

Inhaltsverzeichnis


Mystery Cars II

Nach diesem Ausflug in die bizarre Automobilwelt des alten Japan reisen wir nun weiter ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten, der chromblitzenden Straßenkreuzer und PS-starken Achtzylindermotoren. Doch Halt, was ist das? Was aussieht wie eine verunglückte Kreuzung zwischen Messerschmitt Kabinenroller und Honda CB 400 war in den Siebzigerjahren die Erfindung einer kleinen Firma in Kalifornien in der Nähe von Los Angeles, nicht weit von Long Beach. 

Man muss sich kurz in die Zeit der Beach Boys und Flower-Power zurückversetzen, um das Feeling dafür zu kriegen, was hier in den Köpfen der Konstrukteure, vielleicht unter dem Einfluss inspirierender Kräuter, entstanden war. Wenn man ein Motorrad hatte, aber lieber bequem sitzen und nicht dauernd umfallen wollte, kaufte man sich bei der Unicar Corporation ein Vorderteil aus Glasfiber mit Tandemsitz, schraubte es anstatt der Vorderradgabel ans Bike und schloss die Bedienungsorgane an.

Dann setzte man sich auf den Schoß der Freundin oder Ehefrau und los ging’s! Per Knopfdruck, Elektromotoren und Parallelogramm Konstruktion der Vorderachse konnten die Vorderräder bei schneller Fahrt sogar geneigt werden. Man möchte es kaum glauben, aber angeblich sollen die Unicar Leute tatsächlich an die Hundert solcher Apparate „die den Tiefflug legal machen“ (Unicar Werbung) an mehr oder weniger berauschte Kunden verkauft haben. Theoretisch konnte und durfte übrigens ein dritter Passagier auf der Motorradsitzbank mitgenommen werden, dafür gab es sogar einen speziellen Haltegriff. Wer das nicht wollte, bestellte eine Kunststoffverkleidung fürs Motorrad-Hinterteil. Ende der Siebzigerjahre hörte man dann nichts mehr von den Unicar Leuten – vielleicht war ihnen der Stoff ausgegangen? Und es kommt noch schlimmer. In den USA gab es ein Auto mit lächerlichem Namen, sehr bedenklichem Markenzeichen und grauenhaftem Design – aber zum Glück wurde es nie gebaut.

Greenville, eine Kleinstadt nördlich von Pittsburgh in Pennsylvania, war 1948/49 der Ursprungsort eines Kleinwagens mit dem schönen Namen „Hoppenstand“. Und weil der vermutlich deutschstämmige Erfinder ein markantes Markenzeichen für sein Produkt suchte, griff er kurzerhand zu einem Symbol, das damals noch vor Kurzem weltweit bekannt geworden war und drehte es einfach um. Als billigstes Auto der Welt wurde der kleine Hoppenstand bald in Prospekten angekündigt und Interessenten und Presse wurden für den 5. und 6. August 1949 nach Cleveland, Ohio, zur Weltpremiere eingeladen. Doch dabei blieb es und niemand hörte mehr etwas vom Hoppenstand – und es war gut so.

Jetzt aber nichts wie weg aus Übersee mit diesen bizarren Autos und zurück nach Europa, der Wiege des Automobils und ihrer fantastischen Schöpfungen. Doch auch hier gab es genug Merkwürdiges und nicht jeder Versuch war von Erfolg gekrönt.

So das Schicksal der Firma OPES, gegründet von Herrn Giuseppe Milanaccio. Dieser hatte sich gleich nach dem Krieg in einem geräumigen Wohnhaus der Jahrhundertwende mit angeschlossener Werkhalle nahe des Turiner Stadtzentrums angesiedelt. Milanaccio scheint technisch nicht gerade untalentiert gewesen zu sein, denn sein 1947 präsentiertes Auto mit dem klangvollen Namen „Ninfea“, zu Deutsch Nymphe, war in jeder Hinsicht anspruchsvoll. Die modern gezeichnete, zweitürige Karosserie bot bis zu fünf Personen Platz, bestand aus Aluminium und war selbsttragend konstruiert. Vor der Vorderachse mit Einzelradaufhängung hatte Milanaccio zum Erstaunen der Fachwelt einen luftgekühlten Dreizylinder Sternmotor installiert, der aus 800 ccm bescheidene 18 PS schöpfte. Die Ninfea mit Frontantrieb sollte so bis zu 90 km/h erreichen.

Dann wurde es aber schnell still um das ambitionierte Projekt und ab 1950 hörte man nichts mehr von der Nymphe aus Italien. Wieder zurück in Deutschland, fällt mir der Prospekt des Kaiser Dreiradwagens in die Hände, Traum mehrerer schlafloser Nächte.

Theodor Kaiser beschäftigte sich ab Ende der Zwanzigerjahre mit stromlinienförmigen Landfahrzeugen, 1931 entstand ein erster fahrfähiger Prototyp. Nach etlichen Weiterentwicklungen folgte ab ca. 1935 eine kleine Serie handwerklich produzierter Dreiradwagen mit zwei Sitzen nebeneinander. Man konnte zwischen Modellen mit Blechkarosserie oder einem Aufbau aus einem mit Kunstleder bezogenen Holzgerippe wählen, letzteres natürlich wesentlich leichter, aber auch fragiler. Kaiser ließ dem Kunden auch beim Motor die Wahl zwischen drei Varianten von DKW zwischen 7 und 20 PS. Mit dem stärksten Motor und der leichten Karosserie waren so bis zu 120 km/h zu erreichen.

Nebenbei erfand Kaiser auch noch das adaptive Kurvenlicht, denn die Scheinwerfer waren in die mitlenkenden Kotflügel integriert. Ein Kaiser Dreirad scheint noch zu existieren. Und dann gab es da noch die „Mitzi“, nein, nicht aus Österreich – aber diese Geschichte werde ich vielleicht ein anderes Mal erzählen …

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