Donnerstag, 19. Oktober 2017
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Perfektion des Doppelkolbens — Von der Puch N bis zur SGS

von Prof. Friedrich Ehn

Der Schalenrahmen hält Einzug

Ingenieur Erwin Musger, der bekannte österreichische Flugzeugkonstrukteur, heuert bei Puch anund schafft einen weiteren Quantensprung. Mit dem Pressstahl-Schalenrahmen transferiert er diePrinzipien der Flugzeugzelle in den Motorradbau. Die Maschinen werden damit absolut glattflächig,verwindungssteif und sind in Serie preiswert und präzise zu bauen. Der Rahmen nimmt Batterie undWerkzeug auf, dämpft das Motorgeräusch und ist leicht zu reinigen, beiwagenfest ist er sowieso.

Die neue SGS tritt unter Werksfahrer Schweizer beim Rundstreckenrennen auf der Solitude im Mai1953 auf und fährt die schnellste Runde, die auch in der Klasse bis 350 ccm gilt. Gleichzeitig werdendie neuen Maschinen, gemeinsam mit den „alten“ TFS Modellen bei der ADAC Deutschlandfahrt 1953eingesetzt. Es sind 1.750 km mit Berg- und Geschwindigkeitsprüfungen zu bewältigen. 14 Puchsam Start, 14 Puchs im Ziel. Sie erzielen zwei große ADAC Mannschaftspreise mit Silberschild, 2ADAC Silberbecher für bestes Gesamtergebnis der Berg- und Geschwindigkeitsprüfungen, 8 Gold-, 4Silbermedaillen und 1 Bronzemedaille. Der erste offizielle Auftritt der neuen SGS erfolgt beim „Pariser Salon“ im Herbst 1953 und wird als die „österreichische Überraschung“ des Salons in der nationalenund internationalen Presse gefeiert.

1954 wurde auf eindrucksvolle Weise der Beweis erbracht, dass die neue Puch 250 SGS auf allen Linienein Siegesmotorrad ist. Der größte Erfolg ist der Sieg beim 24-Stundenrennen um den Bol d‘Or, Paris-Montlhery am 28. und 29. Mai 1954. Die beiden Werksfahrer Weingartmann und Volzwinkler erzielenbei der 24 Stunden dauernden Vollgasfahrt über mehr als 400 Runden auf Puch 250 SGS in Konkurrenzmit 41 Teams, die sensationelle Gesamtleistung von 2.521 km mit einer Durchschnittsgeschwindigkeitvon 105,053 km/h. Damit erreicht die SGS nicht nur einen neuen Rekord, sondern auch den Sieg allerMotorradklassen bis 500 ccm!

Der Verkaufserfolg der neuen Maschine ist dementsprechend gewaltig, die Maschine verkauft sich nichtnur in Österreich hervorragend, sondern auch in Frankreich, Großbritannien, Schweden und auch denUSA und Kanada unter dem Namen „Sears“ bzw. „Allstate“. Dieser Name wurde gewählt, da die Amiseinerseits mit der Aussprache des Namens Puch Probleme haben, andererseits wird die Maschine vonder Kaufhauskette „Sears, Roebuck & Co.“ vertrieben.

Im Herbst 1954 wird seitens der reinen Tourenfahrer der Druck auf das Werk nach einer „zahmen“Nachfolgerin der TF, die es bis zu diesem Jahr noch immer in Restexemplaren neu zu kaufen gibt, sogroß, dass anstelle der 16,5 PS der SGS das Modell Puch 250 SG mit 13,8 PS auf den Markt kommt.Bei beiden Modellen beträgt das Drehmoment satte 2,3 kgm. Optisch ist der Unterschied zwischenbeiden Modellen nicht sehr groß, die SG wird (in Österreich) in Schwarz und die SGS in Rot ausgeliefert.Ab 1956 gibt es für die SG einen Pendelanlasser. Ein heikles Item, welches mit zwei 6 V Batterien bewerkstelligt wird und den Anlasseranker in der Kompression zwischen zwei Hüben „pendeln“ ließ,ohne den Kompressionsdruck überwinden zu müssen. Wenig später erhielt dieses Anlasssystem auchdie SGS und glänzte dafür in einer seltsamen grüngrauen Metallicfarbe.

Für Sportfahrer geben die Puch Werke immer wieder „Frisieranleitungen“ zum Schnellermachen derSGS heraus, genannt „Abänderungen für Rennen, allgemeine Anweisungen“. Diese verrieten selbstverständlichnicht allzu viel über die Änderungen, welche die Werksmaschinen erhalten. Diese fahrennämlich längst im Zweivergaserbetrieb, sowohl mit Guss- als auch mit Aluzylindern (von Mahle, mithartverchromten Laufbüchsen).

Bei den diversen Veranstaltungen treten die Puchs auch mit je zwei hochgezogenen Auspuff-Schalldämpfernpro Seite auf, genannt „Vierlings-Flak“. Die Puch Werksfahrer, die aus den Erfahrungen mitder Puch MC und MCH (Rohrrahmenmodelle mit SGS Motor für den Off Road Einsatz, die MCH war einspezielles Einvergasermodell mit Alu Zylinder), aus dem Vollen schöpfen, müssen sich dennoch immerwieder cleveren und beherzt fahrenden Privatfahrern beugen, so zum Beispiel den Leitner Brüdern ausder Steiermark.

1967 erhält die SGS noch ein entscheidendes Facelifting mit eckigem Tank und eckigem Vorderkotflügel.Das ganze passte zur rundlichen SGS wie die Faust aufs Auge. Doch die lichten Jahre des Motorradesin Europa sind vorbei und führen ins Dunkel der wirtschaftlichen Bedeutungslosigkeit. 1969 kommtdie neue Einkolben-Type M 125, das letzte Puch Serienmotorrad, auf den Markt – die SGS läuft aus.Das Auto verdrängt das Motorrad in seiner bisherigen Anmutung endgültig von der Straße, bis es zuBeginn der 70er-Jahre von den Japanern als Spaß- und Freizeitvehikel neu entdeckt wird.

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