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Sechs Jahre Ventilspiel - Motorsport wie damals

Sechs Jahre Ventilspiel - Motorsport wie damals

von Christian Schamburek

Ladislaus E. Almásy und Porsche die unbekannte Geschichte einer Kurzzeitbeziehung

Die Lebensgeschichte von Ladislaus E. Almásy ist alles andere als die eines 08/15 Lebens, es ist ein Leben voll von Abenteuern, ungewöhnlichen Ereignissen, Anekdoten, Besessenheit, Forscherdrang und Gefahren. Sie bot schon den Stoff für die Hollywood-Verfilmung „Der englische Patient“, und auf der Familienburg der Almásys, Burg Bernstein, kann man heute noch im Zimmer von Abu Ramla – dem Vater des Sandes – wie Ladislaus Almásy respektvoll genannt wurde – nächtigen.

Jener László Almásy in der weltberühmten Verfilmung mit Ralph Fiennes, als tragischer Held vor der Kulisse herrlicher Wüstenszenerien, hat aber mit dem echten László nur bedingt Gemeinsamkeiten. So ist die Filmgeschichte nur eine Geschichte – weitgehend verklärt mit dichterischer Freiheit – aber das wahre Leben des Ladislaus‘ bietet noch viele weitere Facetten einer faszinierenden Persönlichkeit, die durch Begebenheiten und Zufälle ab und an ins Rampenlicht der Weltgeschichte tritt.

Eine dieser „kleinen“ Anekdoten, die vielleicht noch nicht so oft erzählt wurde und in der Erinnerung der Nachfahren und auf vergilbten Seiten von Familienalben ruht und nur im engsten Kreis der Familie im Schein des Kaminfeuers in kalten Winternächten ab und an erzählt wird, soll hier beleuchtet werden.

Doch zunächst einige Eckdaten aus dem Leben des Wüstenforschers Ladislaus Eduard (László Ede) Almásy. Er erblickte als Zweitgeborener am 22. August 1895 auf Schloss Bernstein, das damals noch zu Westungarn in der Österreichisch-Ungarischen Monarchie der Habsburger gehörte, das Licht der Welt. Er eiferte seinem Vater, dem Ethnologen und Zoologen György Almásy nach, beherrschte sechs Sprachen, sein Forscher-Gen stammt ohne Zweifel aus der Linie seines Vaters. Der kleine László interessierte sich schon früh für Flugzeuge und Automobile. So wird erzählt, dass er schon als kleiner Junge einen Segelflieger konstruierte, baute und bei einer Bruchlandung zerstörte. Fliegen und Fahren werden sein ganzes Leben lang treue Begleiter, Werkzeuge und die Grundlage seiner Abenteuer sein. László hatte noch einen Bruder Janós und eine Schwester Georgine. Seine Mutter Ilona Almásy war eine geborene Pittoni.

Die verschlungenen Pfade des Lebensweges von László Almásy führten ihn zunächst als Kampfflieger durch den ersten Weltkrieg und es ergab sich eine erste Berührung mit der Weltbühne, als er im Frühjahr 1921 König Karl IV. (Exkaiser Karl I. von Österreich) bei seinem ersten Versuch, den Thron des Königreichs Ungarn wieder zu übernehmen, nach Budapest chauffierte. Dies brachte ihm auch die Erhebung in den Adelsstand eines Grafen.

Die Tatsache, dass er Zweitgeborener war, führte zwangsläufig dazu, dass er mittels profaner Arbeit für seinen Lebensunterhalt sorgen musste. In den 1920er-Jahren arbeitete Almásy als Vertreter für die österreichischen Steyr Automobile im ungarischen Steinamanger und gewann für Steyr mehrere Autorennen. Er schafft es damals seinen Arbeitgeber davon zu überzeugen, dass Ägypten ein interessanter Absatzmarkt wäre und bestens geeignet, Fahrzeuge unter extremen Bedingungen zu testen. Er hatte die Gabe der Überzeugungskraft und konnte immer wieder Menschen für seine Ideen begeistern. Damit begannen seine berühmten Autofahrten und Expeditionen zu entlegensten Gebieten Nordafrikas, unter anderem eine Jagdexpedition für Fürst Antal Esterhazy in den Sudan, eine Reise von Mombasa bis nach Alexandrien mit Prinz Ferdinand von Liechtenstein, in deren Verlauf sie auch die alte Karawanenstraße Darb El Arbe‘ (Straße der 40 Tage), eine seit der Pharaonenzeit bekannte Fernverbindung von Schwarzafrika bis zum Nil, durchfuhren.

Er testete 1929 Steyr-Fahrzeuge unter Wüstenbedingungen mit zwei Steyr-Lkw und begann damit seine Wüstenexpeditionen. 1930 fuhr er von Khartum entlang der Bahnlinie in vier Tagen nach Wadi Halfa und weiter im Niltal bis Kairo. Auch abenteuerliche fliegerische Unternehmen zieren immer wieder Lászlós Leben. Er umkreiste die Cheops-Pyramide mit einem Segelflieger und versuchte mit einem kleinen Motorflieger von Ungarn nach Ägypten zu fliegen, was aber mit einem Crash in Syrien unsanft endete. Sein Wissensdrang und seine Besessenheit, Unbekanntes zu erforschen, ließen ihn über die Jahre zu einem ernst zu nehmenden Forscher wachsen.

Sein Hauptinteresse galt den Wüstengebieten westlich des Nils. Diese Regionen waren kaum erfasst und auch extrem schwer zugängig. Mit der Kombination von Auto und Flugzeug überwand Almásy diese Schwierigkeiten und machte sich 1932 mit drei Briten, Sir Robert Clayton, Kommandant Penderel und Patrick Clayton, auf, das legendäre Zerzura, die „Oase der Vögel“, zu suchen. Die Expedition wurde vom ägyptischen Prinzen Kemal el Din finanziert, der 1921 für das US-amerikanische National Geographic Magazine einen Beitrag über das Gilf el-Kebir verfasst hatte. Im Verlauf dieser Reise entdeckte Almásy die prähistorischen Felszeichnungen „Schwimmer in der Wüste“ in Uwainat und Gilf el-Kebir. Almásys Interesse galt den alten Geschichten, die von den Beduinen am Lagerfeuer erzählt wurden. Er verstand die Sprache der Menschen und auch ihre Seele. Die Beduinen akzeptierten ihn, da er die Wüste kannte und die Wüste war ihm zugetan. Auf Basis dieser Fabeln begann Almásy dann zu recherchieren, er folgte Hinweisen, alten Berichten von Raubkarawanen, Märchen und antiken Schriften wie von Herodot von Halikarnassos, einem griechischen Geschichtsschreiber, Geograf und Völkerkundler.

 

Basierend auf seinen akribischen Aufzeichnungen plante er dann seine Expeditionen – und meist fand er auch die Zeugnisse vergangener Kulturen. Sein Förderer Clayton starb 1932 und damit ging Mitte der 1930er-Jahre für Almásy die Zeit der Forschung und der Abenteuer zu Ende. Die Rolle, die Ladislaus Almásy im Zweiten Weltkrieg spielte, ist nach wie vor nicht ganz geklärt – war er Spion, in welchem Auftrag stand er? War er Doppelagent? Es ranken sich Gerüchte und Fabeln um Almásys Rolle im Krieg, weniges ist belegt, meist handelt es sich um Vermutungen. Am wahrscheinlichsten ist, dass er jene Aufträge annahm, die ihm weiterhin Reisen in entlegene Winkel der nordafrikanischen Wüsten ermöglichte. Sein Wissen und seine Erfahrung um die Wege durch die Wüsten war ohne Zweifel ausgesprochen wertvoll für die Geheimdienste und Spionageabteilungen der damaligen Zeit. Almásy selbst war, wie sich vermuten lässt, kaum national eingestellt, weder für die Deutschen, Briten, Ungarn, Italiener oder sonstigen am Krieg beteiligten Nationen.

Dies zeigt sich zum Beispiel darin, dass er nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs im Herbst 1939 nach Ungarn zurückkehren musste, da die Briten in Ägypten ihn als Spion der Italiener verdächtigten, und die Italiener in Libyen als den der Briten. Als Ungar hatte er zuvor immer für jene Kolonialmacht gearbeitet, die ihm jeweils den besten Erkundungsauftrag gab.

1940 engagierte die deutsche Abwehr den mittlerweile in Budapest lebenden Almásy. Der ungarische Reserveoffizier wurde als Hauptmann in die Luftwaffe übernommen und mit einem Kommando der Abwehr von Division Brandenburg dem Afrika-Korps für den Afrikafeldzug zugeteilt. 1941 und 1942 nutzte diese unter dem Kommando von Erwin Rommel stehende Truppe seine Wüstenerfahrung für Operationen und die Erkundung der südlichen Wüste. Im Buch „Rommel ruft Kairo“ des deutschen Spions Johannes Eppler und dem Funker Hans-Gerd Sandstede ist der Auftrag eines Transports durch die Wüste beschrieben, der von Almásy durch die ägyptische Wüste geschleust wurde. Während der „Operation Salaam“ von 1942 sickerte ein Kommando unter Almásy mit den zwei deutschen Spionen in Ägypten bis Kairo durch die feindlichen Linien in britisch kontrolliertes Gebiet. Almásy und sein Team trugen deutsche Uniformen, sie benutzten aber US-amerikanische Autos und einen Lkw mit deutschen Hoheitszeichen, die zu Tarnungszwecken mit Schmutz und Staub unkenntlich gemacht wurden. Das brachte Almásy die Beförderung zum Major und das Eiserne Kreuz Zweiter Klasse – eine Tatsache, die ihn bis zu seinem Tode wurmte.

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